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Moulin de la Galette und die letzten Windmühlen von Montmartre

Dass Montmartre heute noch über zwei historische Windmühlen verfügt, ist zu einem großen Teil dem Ruhm des Moulin de la Galette, heute untrennbar mit dem Mythos Montmartre verbunden, zu verdanken. Das einstige Tanzlokal bewahrte die Blute-Fin und die Radet vor dem vollständigen Verschwinden in einer Phase rasanter Urbanisierung. Entstanden auf einem Grundstück zwischen diesen beiden Mühlen, entwickelte sich die Guinguette zu einem gesellschaftlichen Anziehungspunkt – und die Mühlen selbst zu den meistfotografierten Motiven der Butte.

Die Blute-Fin, verborgen auf einem privaten Grundstück in der Rue Lepic, doch von der Rue Tholozé aus schon von Weitem zu sehen, ist bis heute funktionsfähig, wenn auch nicht zugänglich. Die Radet hingegen zeigt sich als leere, aber ikonische Holzkonstruktion auf dem Dach eines Restaurants an der Ecke Rue Lepic und Rue Girardon. Gemeinsam verkörpern sie das letzte sichtbare Erbe einer Landschaft, die einst landwirtschaftlich geprägt war.

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Ein Ort mit antiken Wurzeln

Die Geschichte dieses Ortes reicht weit über die Mühlen hinaus. Schon in der Antike befand sich auf dem Hügel ein Heiligtum. Die Römer errichteten hier auf einem künstlich aufgeschütteten Tertre einen Tempel zu Ehren des Kriegsgottes Mars, später ergänzt durch einen weiteren für Merkur. Aus mons Martis entwickelte sich im Mittelalter der mons Martyrum, der „Berg der Märtyrer“, benannt nach Denis, Rustique und Éleuthère. Die heutige Rue des Martyrs erinnert noch an dieses Ereignis.

Im Jahr 1622 tauchte in den Archiven erstmals der Name Moulin du Palais auf, eine Bezeichnung, die von den Nonnen der Abtei Montmartre eingeführt wurde und vermutlich auch dazu diente, das heidnische Erbe des Hügels in den Hintergrund zu rücken.


Die Windmühlen im Schatten der großen Geschichte

Schon im 14. Jahrhundert waren die Windmühlen von Montmartre in die Ereignisse des Hundertjährigen Krieges eingebunden. Während Paris belagert wurde, unternahm der Dauphin Karl, der später als Karl V. den französischen Thron bestieg, den Versuch, die Kontrolle über die Stadt von Étienne Marcel zurückzugewinnen. Marcel, damals Vorsteher der Kaufleute, hatte sich mit Karl von Navarra verbündet. Als im Sommer 1358 Söldnertruppen die Lage in Paris eskalieren ließen, floh Étienne Marcel nach Montmartre, wo die Mühlen aufgrund ihrer erhöhten Lage als militärisch günstige Aussichtspunkte genutzt wurden.

Zu den15 großen Mühlen, die einst auf dem Hügel von Montmartre standen, zählten die Moulin du Palais, später Vieux-du-Palais, die Moulin Neuf, die Moulin des Prés, die Turlure und die Lancette, die Moulin de la Fontaine-Saint-Denis, die Moulin Paradis, die Moulin de la Béquille, die ihren Namen dem Holzmechanismus zur Ausrichtung der Flügel verdankte, die Moulin des Brouillards nahe dem Château des Brouillards und das später in Moulin du Vin umbenannt wurde, die Vieille Tour, Grande Tour und Petite Tour in der Rue Norvins, die Poivrière, die Farbpigmente für Maler sowie Bestandteile für kosmetische Produkte herstellte und natürlich die Mühlen Blute-Fin und Radet.
Auf dem Gelände des späteren Bal du Moulin de la Galette standen dabei ursprünglich drei Mühlen: die Blute-Fin im Westen, die Poivrière im Norden und die Radet im Osten.

Die Mühlen erfüllten vielfältige Aufgaben, wie das Mahlen von Getreide, das Pressen der Trauben nach der Weinlese, das Zerkleinern von Gewürzen sowie die Verarbeitung von Materialien für Manufakturen, darunter Alabaster aus den örtlichen Gipssteinbrüchen für die Porzellanherstellung in Clignancourt und Inhaltsstoffe für die nahegelegene Parfümindustrie.

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Die Zerstörung der Mühle Poivrière, Petit Journal vom 17.12.1911


Blute-Fin und Radet - Zwei Mühlen, zwei Schicksale

Die Blute-Fin ist der älteste noch erhaltene Zeuge einer längst vergangenen Zeit. Ende des 19. Jahrhunderts behauptete die Familie Debray, die Blute-Fin sei bereits 1295 errichtet worden, was eine Gravur im Holzgiebel nahelegt. Andere historische Quellen gehen hingegen davon aus, dass der Bau auf das Jahr 1622 zurückgeht, als sie für Nicolas Guignard errichtet wurde. Möglicherweise ersetzte sie eine ältere Mühle aus dem 13. Jahrhundert. 1709 ging sie in den Besitz der Familie Ménessier über und wurde 1809 von Nicolas Charles Debray erworben. Hier wurde ein besonders feines Mehl produziert, was die Mühle in ganz Paris bekannt machte. Um den Betrieb herum entstanden mehrere Gebäude, die zusammen als Ferme Debray bekannt wurden.
Trotz zahlreicher Restaurierungen blieb der Mechanismus der Mühle vollständig erhalten.

Der Name „Blute-Fin“ selbst verweist auf die handwerkliche Präzision. Er leitet sich vom Verb „bluter“ ab, das das feine Sieben des Mehls bezeichnet, bei dem das Mehl vom Kleieanteil getrennt wird. In alten Dokumenten finden sich auch Varianten wie „Bout-à-fin“ oder „But-à-fin“, die dieselbe Bedeutung tragen könnten.

Nach dem Zweiten Weltkrieg konnte man die hölzerne Terrasse auf dem Blute-fin betreten und von dort aus den Blick über das geschäftige Paris schweifen lassen.

Heute ist sie die letzte funktionsfähige Windmühle der Butte und seit 1958 als Monument historique geschützt. Nach umfassenden Restaurierungen 1978 und einer weiteren Erneuerung der Flügel im Jahr 2001 dreht sie sich bis heute im Wind.

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"Le Moulin de Blute-fin" von Vincent Van Gogh, 1886


Die Radet weist eine besonders ereignisreiche Geschichte auf. Nach Überlieferung der Familie Debray existierte sie bereits 1268 und trug ursprünglich den Namen „Moulin Chapon“, benannt nach dem Müller François Chapon. Im Laufe der Zeit wechselte sie mehrfach ihren Standort, zuerst in der Rue de l’Abreuvoir, später auf der Butte Saint-Roch und schließlich unter Ludwig XIII. im Jahr 1636 auf der Butte Montmartre.

1760 wurde sie von Jacques Ménessier vollständig neu aufgebaut und endgültig „Radet“ genannt. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts wurde die Mühle zur Aufbereitung von Alabaster eingesetzt, der für eine in Clignancourt ansässige Porzellanproduktion bestimmt war. Diese Manufaktur war 1771 von Pierre Duruelle gegründet worden, erhielt 1775 den Namen Manufacture de Monsieur und stand unter dem Schutz des Grafen der Provence, dem späteren König Ludwig XVIII. 1812 erwarb Nicolas-Charles Debray die stark beschädigte Mühle.

Die Familie Debray ging am 30. März 1814 während der Schlacht bei Paris in die Geschichte Montmartres ein, als russische Truppen unter General de Langeron die Nordseite der Butte angriffen. An diesem Tag standen den Kanoniere n nur sieben Kanonen in der Moulin Lancette und zwei Kanonen in der Moulin Neuf zur Verfügung. Vier Brüder Debray und der Sohn des Ältesten verteidigten ihre Mühlen, doch die drei jüngsten Brüder fielen im Kampf, getötet durch Bajonettstiche. Paris kapitulierte, doch der vierte wollte seine Brüder rächen und setzte den Widerstand fort. Er erschoss einen russischen Offizier, und wurde dafür getötet. Die russischen Soldaten zerstückelten den Leichnam und befestigten die Körperteile an den Flügeln der Mühle als grausame Warnung an die Bevölkerung. Sein Grab, auf dem eine Mühle thront, befindet sich auf dem Cimetière du Calvaire nahe der Kirche Saint-Pierre, der jedes Jahr nur am ersten November im Rahmen einer geführten Besichtigung zugänglich ist.

Sein Sohn wurde durch einen Speerstich in den Bauch an die Mühle gespießt, überlebte jedoch. Er wurde als „kleiner Vater Debray” bekannt und gab den Jugendlichen des Viertels Tanzunterricht, bevor er ab 1833 einen Ball organisiert.

Bis 1834 stellte die Mühle noch Rohstoffe für eine Parfümerie her, dann wurde sie innerhalb des ehemaligen Clos der Ferme Debray neben der Blute-Fin aufgestellt.
Da die Mühle technisch nicht mehr auf dem neuesten Stand war und ihr die modernen Berton-Flügel fehlten, wurde der Mühlenbetrieb aufgegeben und zur Guinguette umfunktioniert. Damit begann der Übergang vom Handwerk zum Vergnügen.

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Die Geburtsstunde des Moulin de la Galette

Die Geschichte des späteren Moulin de la Galette begann bereits im späten 16. Jahrhundert. 1585 erwarb Jacques Liger, Herr von Clignancourt, die auf der Butte gelegene Moulin du Palais von Nicolas Guillot und übertrug deren Betrieb den Müllern Debray, die die Mühle zunächst pachteten und schließlich in ihren Besitz übernahmen. Die Familie Debray, die für die Benediktinerinnen der Abtei Montmartre arbeitete und über Vieh und ausgedehnte Ländereien bis zur Barrière de Clichy verfügte, prägte damit die Entwicklung des Viertels nachhaltig.

Anfang des 19. Jahrhunderts legten die Debrays mit dem Erwerb der Blute-Fin (1809) und der Radet (1812) den Grundstein für eine der später berühmtesten Vergnügungsstätten von Paris. 1834 erweiterte Nicolas-Charles Debray das Gelände um eine Schankstube, die sich rasch zu einer Guinguette entwickelte und zwischen Blute-Fin und Radet das gesellschaftliche Zentrum der Butte formte.

Mit der wachsenden Popularität Montmartres als Ausflugsziel wandelte sich die Nutzung endgültig. Mit seinen Weinbergen, Obstgärten, Quellen und Windmühlen entwickelte sich Montmartre zu einem beliebten Ziel für Sonntagsausflüge. Die Pariser erklommen die Butte auf Eseln und nutzten den Vieux Chemin, dessen Verlauf später ungefähr der Rue Ravignan folgte. Um den Besucherandrang zu bewältigen, entstanden zahlreiche Guinguettes, in denen man speiste, den herben weißen Wein der Butte trank und tanzte.

Anfang des 19. Jahrhunderts waren sechzehn Tanzstätten offiziell genehmigt, während zahlreiche weitere ohne formelle Zulassung betrieben wurden. Die bekannteste dieser Vergnügungsorte lag am heutigen Place Émile-Goudeau, musste jedoch bereits 1830 aufgegeben werden, nachdem durch die darunterliegenden Gipssteinbrüche Teile des Gebäudes eingestürzt waren.

Der Bal Debray funktionierte an Werktage als normaler Mühlenbetrieb weiter, während an Sonn- und Feiertagen das Vergnügen im Mittelpunkt stand. In den 1870er-Jahren kam der Mühlenbetrieb endgültig zum Erliegen, während der Ballsaal nunmehr an vier Tagen pro Woche geöffnet war.

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"Le Bal du Moulin de la Galette" von Pierre Auguste RENOIR, 1876, Musée d'Orsay


Es handelte sich beim Moulin de la Galette also nicht um einen einzelnen Mühlenbau, sondern den von der Familie Debray betriebenen öffentlichen Tanzsaal zwischen dem Blute-Fin und dem Radet.

Erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts setzte sich die Bezeichnung Moulin de la Galette durch. Namensgebend war ein einfacher Roggenpfannkuchen, der traditionell zusammen mit dem Wein der Butte ausgeschenkt wurde. Parallel dazu wandelte sich die ursprünglich offene Guinguette zu einem geschlossenen Ballsaal, auf dessen Bühne berühmte Figuren des Pariser Nachtlebens wie La Goulue und Valentin le Désossé auftraten.

Das Moulin de la Galette verdankt seinen Ruhm nicht zuletzt den Künstlern der Butte. Renoir, Toulouse-Lautrec, Steinlen, Van Gogh, Picasso und viele andere hielten das Treiben dieses Ortes fest und machten ihn zu einem Sinnbild des künstlerischen und nächtlichen Montmartres.

1915 entging die Radet nur knapp dem Abriss, bevor Pierre-Auguste Debray 1924 sein Grundstück umbauen ließ, um die Attraktivität für Besucher zu verbessern. Das Innere der Mühle wurde entfernt und die verbliebene Konstruktion auf dem Dach eines Neubaus an der Ecke Rue Lepic und Rue Girardon gesetzt.

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