Zitat der Woche

"Der Weg den du alleine gehst, ist zwar am härtesten, aber er macht dich stark!” - unbekannt

Translate

Die Bièvre – Paris‘ verschwundener Fluss, der langsam wieder ans Licht drängt

Wer durch die Straßen von Paris spaziert, ahnt kaum, dass unter seinen Füßen ein Fluss verborgen liegt. Auch die meisten Pariser kennen ihn nur noch aus alten Karten oder von Straßennamen.

Die Bièvre, einst ein klarer, lebendiger Wasserlauf, schlängelte sich durch das südliche Paris, bevor sie im Zuge der Industrialisierung und Urbanisierung nach und nach unter die Erde verschwand und größtenteils in die Kanalisation verbannt wurde. Doch die Geschichte der Bièvre ist weit mehr als ein Kapitel der Vergangenheit, denn heute erwacht der Fluss langsam zu neuem Leben.

bievre-fluss-verschwunden-paris-gemaelde
Jules Richomme, Tannerie sur la Bièvre, gegen 1892 - Musée Carnavalet, Histoire de Paris


Der vergessene Fluss von Paris und sein rätselhafter Name

Die Bièvre entspringt westlich von Paris, in Guyancourt, und fließt auf rund 36 Kilometern durch grüne Täler und charmante Vororte wie Jouy-en-Josas, Bièvres, oder Massy, bevor sie im Herzen von Antony in den Untergrund verschwindet. Über die Poterne des Peupliers im 13. Arrondissement gelangte sie in die Stadt und schlängelte sich auf einer Strecke von etwa fünf Kilometern durch das 13. und 5. Arrondissement, bevor sie in der Nähe des heutigen Bahnhofs Gare d’Austerlitz in die Seine mündete.

Die ursprüngliche Bedeutung des Namens ist bis heute nicht eindeutig geklärt. Eine verbreitete Theorie besagt, dass er auf das alte Wort beber zurückgeht, das in keltischen und gallorömischen Sprachen mehrere Bedeutungen hatte und das Tier, den Biber bezeichnete. Dieses alte Wort wurde im Mittelalter im Französischen als bièvre genutzt und später im modernen Französisch vom Wort castor verdrängt.
Allerdings gibt es keine Funde, die belegen, dass tatsächlich Biber in der Region lebten, trotz der Darstellung von Bibern in den Wappen einiger Orte entlang des Flusses.

bievre-fluss-verschwunden-paris-wappen-guyancourt     bievre-fluss-verschwunden-paris-wappen
      
Doch das Wort beber bedeutet auch „braun“ oder „bräunlich“, was eine Andeutung auf die typischerweise schlammigen und bräunlichen Gewässer kleiner Flüsse wie die Bièvre wäre.
Eine dritte Hypothese führt den Namen auf das Wort bief zurück. Dies ist ein Begriff aus dem Mittelalter, der die künstlich angelegten Wasserläufe bezeichnete, die zum Beispiel Mühlen antrieben.


Mittelalterlicher Verlauf, Abtei Saint-Victor und die erste Umleitung des Flusses

Historisch war der Fluss ein zentraler Bestandteil des Pariser Alltags. Ab dem 11. Jahrhundert entstanden entlang ihrer Ufer zahlreiche Mühlen, deren Spuren heute noch durch Bronzetafeln erkennbar sind. Mitte des 12. Jahrhunderts wurde der Fluss durch die Kanoniker der Abtei Saint-Victor gezielt umgelenkt. Ein künstlich angelegter Kanal versorgte die Abtei mit Wasser, bewässerte ihre Gärten und Obstplantagen und trieb die Getreidemühle an.

Der Ausgangspunkt der Umleitung lag zwischen der heutigen Rue Bouffon und der Rue Poliveau. Von dort aus schlängelte sich der Kanal weiter durch die heutigen Gärten des Jardin des Plantes, folgte den Gräben entlang des Campus Jussieu und durchquerte die mittelalterliche Stadtmauer durch eine erhaltene Arkade, die man noch heute unter dem Postamt der Rue des Écoles während der European Heritage Days besichtigen kann.

Der Kanal setzte seinen Weg entlang der Straßen Saint-Victor und des Collège des Bernardins fort, bog am Standort der heutigen Kirche Saint-Nicolas-du-Chardonnet ab, folgte der Rue des Bernardins und der Rue de Bièvre, wo er in die Seine mündete.

Der natürliche Flusslauf, der nie vollständig austrocknete, erreicht nach wie vor, verborgen unter dem Stadtboden, die Seine in der Nähe der Rue Nicolas-Houël.

bievre-fluss-verschwunden-paris-abtei-victor
Jean Marot - Musée Carnavalet, Histoire de Paris


Gobelins, Textilhandwerk und das Verschwinden des Flusses

Die Bièvre prägte über Jahrhunderte hinweg das wirtschaftliche und handwerkliche Leben des Viertels Saint-Marcel. Das kalkarme Wasser eignete sich ideal zum Färben von Wolle und Stoffen, vor allem für intensive Rottöne, die damals besonders begehrt waren. 1143 ließ sich der aus Reims stammende Färber Jean Gobelin an ihrem Ufer nieder und prägte mit seinem Namen das Viertel der Gobelins und die dortige Manufaktur, die über Jahrhunderte Teppiche und Wandteppiche herstellte.
Entlang des Flusses entstanden Werkstätten, Mühlen und Wohnhäuser, und aus einem einfachen Vorstadtgebiet entwickelte sich eines der wichtigsten Zentren der Pariser Textilproduktion. Schon bald erhielt der Fluss den Spitznamen „Ruisseau des Gobelins“.

Ende des 17. Jahrhunderts zog die Bièvre viele Handwerksbetriebe an. Ein königlicher Erlass von 1672 hatte Gerber und Lederverarbeiter aus der Umgebung der Place de Grève in Paris vertrieben, woraufhin diese sich im Faubourg Saint-Marcel niederließen.
Im 18. Jahrhundert teilten sich Färbereien, Wäschereien und Gerbereien das Wasser, später kamen Lagerhäuser und Fabriken hinzu. Dies führte auch zu Konflikten im Viertel, da Gerber den Fluss vor allem als praktischen Abwasserkanal betrachteten, während die Färber auf möglichst sauberes Wasser angewiesen waren.

Die Konzentration der Betriebe führte schnell zu starker Verschmutzung. Haushaltsmüll, Exkremente und Abfälle aus der Produktion machten den Fluss zu einem offenen Abwasserkanal.
Im 18. Jahrhundert versuchte der Staat, wieder Ordnung in das Chaos zu bringen. Ein königlicher Erlass von 1732 führte eine offizielle Aufsicht über die Bièvre ein und legte erstmals systematische Maßnahmen zur Instandhaltung fest. Die anliegenden Grundstücke wurden vermessen und nummeriert, und jede Parzelle erhielt eine genau definierte Verpflichtung zur Pflege des Flussufers. Noch heute erinnert ein in Stein gemeißelter Hinweis an der ehemaligen Gobelins-Manufaktur daran, wie viele Meter Flusslauf ein Eigentümer instand halten musste.

bievre-fluss-verschwunden-paris-gobelins
Louis Vert, Ruelle des Gobelins, 1904 - Musée Carnavalet, Histoire de Paris

Mit der Entwicklung hygienischer Standards Ende des 18. Jahrhunderts in Frankreich wiesen Berichte auf die gesundheitliche Gefahr des Flusses hin und der Druck durch die Bevölkerung wuchs, die Bièvre aus dem öffentlichen Raum zu entfernen. Der Arzt Jean-Noël Hallé legte 1790 einen Bericht vor, in dem er tiefgreifende Maßnahmen empfahl. Der Fluss sollte befestigt, begradigt, regelmäßig gereinigt und die Mühlen aus dem Stadtgebiet verlegt werden. 1826 beschloss der Pariser Stadtrat, die Bièvre zu kanalisieren.

Im Zuge der großen städtischen Umgestaltungen unter Baron Haussmann ab 1828 entstand anstelle des natürlichen Flussbetts ein gemauerter Kanal. Um den Wasserstand zu regulieren, wurden mehrere Abschnitte mit Schleusen und Überläufen ausgestattet. Mit diesen Eingriffen verlor die Bièvre endgültig ihren natürlichen Charakter, doch die Situation verbesserte sich kaum. Obwohl der Kanal nur wenige Meter breit war, galt er zugleich als unberechenbar. Bei starkem Regen trat die Bièvre regelmäßig über die Ufer und überschwemmte angrenzende Viertel. Die einzige dauerhafte Lösung, den Gestank zu verringern und die Ausbreitung von Krankheiten zu verhindern, schien darin zu liegen, die Bièvre vollständig aus dem Stadtbild verschwinden zu lassen. Was folgte, war ein langwieriger und umstrittener Prozess. Über mehrere Jahrzehnte hinweg wurde der Fluss abschnittsweise überdeckt. 1912 verschwanden schließlich auch die letzten sichtbaren Teile der Bièvre innerhalb der Pariser Stadtgrenzen. In Vierteln wie Croulebarde, Glacière und Valence, die ihre Namen bis heute bewahrt haben, wurde der Fluss endgültig unter die Straßen verlegt. Viele der ehemaligen Flussarme wurden zugeschüttet, andere verschwanden vollständig im Kanalisationssystem und flossen fortan verborgen unter den Straßen von Paris.

bievre-fluss-verschwunden-paris-bauarbeiten
Henri-Emile Godefroy - Musée Carnavalet, Histoire de Paris


Die Bièvre in der Literatur

Die Bièvre hat nicht nur die Pariser Stadtlandschaft geprägt, sondern auch die Literatur inspiriert. In Honoré de Balzacs Roman La Femme de trente ans (1842) stürzt der junge Charles d’Aiglemont in die Bièvre, wobei der Autor die trübe, schmutzige Erscheinung des Flusses eindrucksvoll beschreibt. Die Flut der Metaphern, die den Fluss begleiten, spiegelt die düstere Symbolik wider, die häufig mit der Bièvre verbunden wird.

Im Gegensatz dazu beschreibt Victor Hugo in seiner Reihe von Gedichten mit dem Titel „La Bièvre“ die Freude und die Ruhe, die er in der malerischen Umgebung des Flusses findet. Der Fluss wird hier als ein Symbol der Schönheit und der Frische der Natur dargestellt, die so nahe an der hektischen Metropole Paris liegt.

In „Manette Salomon“, einem Werk der Brüder Goncourt aus dem Jahr 1867, erhält die Bièvre eine besonders markante Rolle als Quelle der Inspiration. Im Kapitel LXXXIII wird der Fluss zum Ursprung der künstlerischen Ausdruckskraft, zu einer Quelle der Kreativität, aber auch zu einem Symbol des Widersprüchlichen und Ambivalenten des Malers Crescent.



Wie die Bièvre wieder ans Licht fließt

Nach über einem Jahrhundert im Untergrund erlebt die Bièvre ihre Wiedergeburt, vor allem außerhalb der Pariser Innenstadt, im Département Val‑de‑Marne. In Fresnes und L’Haÿ-les-Roses fließt der Fluss dank Umbauarbeiten wieder sichtbar und seit 2019 wird ein 600 Meter langer Abschnitt in Arcueil und Gentilly wieder freigelegt. Dort fließt der Fluss heute durch ein ökologisch umgestaltetes Bett mit angelegten Uferbereichen, Pflanzen und Wegen für Spaziergänger.

Im Februar 2001 stellte eine städtische Arbeitsgruppe unter Leitung des Bürgermeisters erstmals ein ehrgeiziges Konzept zur Wiederbelebung der Bièvre vor. Geplant war, den historischen Fluss an drei besonders markanten Orten sichtbar zu machen, bei der Poterne des Peupliers, im Square René-Le Gall direkt unterhalb der Gobelins-Manufaktur sowie, zwischen den Straßen Buffon und Poliveau über eine Länge von etwa 400 Metern.

In den folgenden Jahren wurden die Planungen vertieft, und im Juni 2007 legte die Stadt schließlich einen konkreten Entwurf vor. Die Umsetzung hätte eine neue Kläranlage, aufwendige Überquerungen von Metro-Linien und zahlreiche weitere städtische Bauwerke erfordert, mit Kosten von über 100 Millionen Euro. Angesichts dieser Hürden wurde das Projekt schließlich aufgegeben.

Ein neues Projekt entstand unter der Leitung des Architekten Benoît Jullien. Geplant sind mehrere sichtbare Akzente entlang des Flusses, darunter sieben kleine Wasserstationen, Markierungen auf dem Boden, sowie eine blaue Beleuchtung von Brücken und historischen Grenzen.
Die Umsetzung dieser Maßnahmen begann 2008. Der Parc Kellermann wurde mit Wasserpflanzen neu gestaltet, sodass Stockenten und sogar Reiher sich dort spontan ansiedelten. 2015 wurde im 13. Arrondissement im Jardin Charles-Trenet ein weiterer Wasserbereich geschaffen, um an den historischen Verlauf der Bièvre zu erinnern.

Seit 2020 unterstützt der Conseil de Paris das Projekt mit dem Vertrag „Bièvre, Eau, Climat, Trame Verte et Bleue“, der ökologische und stadtplanerische Konzepte zur Wiederbelebung des Flusses untersucht und die Verbindung von Wasser, Grünflächen und städtischer Infrastruktur stärken soll.

Kommentare

Paris je t'aime

14 romantische Orte

Beliebte Posts