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Rue Saint-Blaise und das vergessene Dorf von Paris

Die Rue Saint-Blaise zählt zu den wenigen Straßen in Paris, die ihren historischen Dorfcharakter bis heute bewahrt haben. Kopfsteinpflaster, kleine Läden, niedrige Häuser und eine überraschend ruhige Atmosphäre lassen eher an eine Ortschaft in der französischen Provinz denken als an eine Straße in der Hauptstadt. Genau darin liegt ihr besonderer Reiz.

Die Rue Saint-Blaise verbindet den Place Saint-Blaise mit dem Boulevard Davout und ist einer der seltenen Orte im 20. Arrondissement, an denen das ehemalige Dorf Charonne noch spürbar ist.

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Vom Winzerdorf zum Pariser Viertel

Die Ursprünge der Straße reichen weit zurück, denn bereits im 17. Jahrhundert ist sie auf Stadtplänen dokumentiert, darunter auf einer Darstellung aus dem Jahr 1672, auf der sie als zentrale Dorfstraße erscheint. 1771 wurde sie unter dem Namen „Grande rue Saint-Germain“ eingetragen und zugleich als Departementstraße klassifiziert.

Im 18. Jahrhundert war Charonne noch stark ländlich geprägt, umgeben von Weinbergen und Feldern, die dem Ort eine wirtschaftliche Grundlage als Winzerdorf boten und zugleich viele Adlige und wohlhabende Pariser anzog, die hier Landhäuser errichten ließen, um dem dichten Stadtleben zu entkommen.

Im 19. Jahrhundert entwickelte sich Charonne zusätzlich zu einem Ort, der für seine gesunde Atmosphäre bekannt war, was zur Entstehung zahlreicher Ammenhäuser führte, in denen Säuglinge und Kleinkinder aus weniger privilegierten Familien betreut wurden. Diese soziale Funktion prägte das Viertel ebenso wie seine landwirtschaftliche Vergangenheit und trug zur besonderen historischen Vielschichtigkeit der Straße bei.

Im Zuge der Eingemeindung Charonnes wurde sie am 23. Mai 1863 offiziell in das Pariser Straßennetz aufgenommen. Wenige Jahre später, am 26. Februar 1867, erhielt sie ihren heutigen Namen. Dieser verweist auf eine Kapelle in der Kirche Saint-Germain de Charonne, die dem heiligen Blasius gewidmet ist. Die Kirche besitzt noch heute ihren historischen Pfarrfriedhof und gehört damit zu den wenigen Kirchen innerhalb der Pariser Stadtgrenzen, die ihren ursprünglichen Friedhof bewahrt haben.

Heute ist die Rue Saint-Blaise teilweise zu einer gepflasterten Fußgängerzone umgestaltet. Sie verläuft leicht geschwungen auf die Kirche Saint-Germain de Charonne zu, die das historische Zentrum des alten Dorfes bildet. Kleine Geschäfte, Cafés und lokale Einrichtungen prägen ein stark kontrastierendes Straßenbild.

Der Place des Grès, an der Einmündung der Rue Vitruve gelegen, bildete einst den zentralen Platz des Dorfes Charonne.

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Architektonische Spuren vergangener Jahrhunderte

Obwohl viele der eleganten Landhäuser aus dem 18. Jahrhundert verschwunden sind, lassen sich entlang der Straße noch einzelne Zeugnisse dieser Epoche entdecken. An der Hausnummer 2 befand sich einst ein von Jacques-François Blondel (1706-1774) entworfenes Stadtpalais, das heute nicht mehr existiert. Der Bau öffnete sich zu einer halbkreisförmigen Hofanlage mit etwa 25 Metern Durchmesser. Dahinter lag ein rautenförmiger Garten von rund 60 Metern Länge.

An der Hausnummer 5 ließ sich der Architekt Nicolas Le Camus de Mézières eine eigene Residenz errichten, die später abgerissen wurde und heute nicht mehr existiert. Le Camus de Mézières war nicht nur Architekt, sondern auch ein bedeutender Theoretiker der Baukunst in Frankreich, der sich intensiv mit der Beziehung zwischen Architektur, Funktion und Wahrnehmung beschäftigte. In Paris erlangte er besondere Bekanntheit durch die Errichtung der neuen Halle aux blés im Jahr 1763, die an der Stelle des ehemaligen Hôtel de Soissons entstand und als innovatives Bauprojekt ihrer Zeit galt. Ebenfalls zählt das Hôtel de Beauvau aus dem Jahr 1768 zu seinen wichtigsten Werken, das seit 1861 den Sitz des französischen Innenministeriums beherbergt und damit bis heute eine zentrale Rolle in der staatlichen Verwaltung Frankreichs spielt.

An der Ecke zur Rue des Deux-Portes befand sich einst ein Landhaus, das zeitweise vom Revolutionär Antoine Fouquier-Tinville gemietet wurde. Fouquier-Tinville war während der ersten Phase der Französischen Revolution und insbesondere in der Zeit der Terreur der zentrale öffentliche Ankläger. In dieser Funktion forderte er die Todesurteile für zahlreiche Angeklagte und spielte eine maßgebliche Rolle bei den politischen Prozessen jener Jahre. Er verlangte die Hinrichtung vieler bekannter Persönlichkeiten, darunter Marie-Antoinette, Olympe de Gouges, Georges Danton und Maximilien Robespierre, und trug dazu bei, dass mehr als zweitausend Menschen durch die Guillotine hingerichtet wurden. Nach dem Ende der Terreur und dem Ereignis des 10. Thermidor (28. Juli 1794) wurde er verhaftet, womit auch seine politische Laufbahn ein abruptes Ende fand. Das Gebäude, das mit ihm verbunden war, verschwand um 1820 und ist heute nicht mehr erhalten.

Besonders auffällig ist das Tor an der Nummer 46 mit einem Maskaron in Form eines Neptunkopfes, das als letzter sichtbarer Rest einer ehemaligen Villa aus dem 18. Jahrhundert erhalten blieb und zwischen 1836 und 1906 zudem ein Internat der Schwestern der Providence de Portieux beherbergte.

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Zwischen historischer Identität und moderner Stadtentwicklung

Während der nordwestliche Teil der Straße seinen historischen Charakter mit restaurierten Stadthäusern, kleinen Höfen oder Gärten und traditionellen Vorstadtgebäuden weitgehend bewahrt hat, wurde der südöstliche Abschnitt im Laufe des 20. Jahrhunderts stark verändert, insbesondere im Zuge von Bauprojekten der 1970er Jahre, die durch große aber funktionale Betonwohnblöcke geprägt waren und einen deutlichen Kontrast zur älteren Bebauung bilden.

Im weiteren Verlauf schließt sich die ZAC Saint-Blaise an, ein zwischen den 1960er und 1990er Jahren realisiertes Stadtentwicklungsgebiet, das 2007 in das Programm des Grand Projet de Renouvellement Urbain integriert wurde. Ziel dieser Initiative ist es, die Lebensqualität im Viertel zu verbessern, wirtschaftliche Entwicklung zu fördern, soziale Integration zu stärken und die Zusammenarbeit mit benachbarten Gemeinden auszubauen.

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Persönlichkeiten und Erinnerungsorte

Auf dem Friedhof von Charonne liegt unter anderem die Schriftstellerin und Journalistin Josette Clotis (1910–1944) begraben. Sie war seit 1933 die Lebensgefährtin des Schriftstellers und Politikers André Malraux und Mutter seiner beiden Söhne Gauthier und Vincent Malraux. Die beiden jungen Männer kamen 1961 bei einem Autounfall ums Leben und wurden ebenfalls dort beigesetzt. Aus diesem Grund setzte sich Malraux anschließend für den Erhalt eines Teils des alten Dorfkerns von Charonne ein.
In den 1960er-Jahren gab es Pläne für ein groß angelegtes Bauprojekt mit fünfzehn Hochhäusern von jeweils vierzig Stockwerken, das einen erheblichen Teil des historischen Viertels bedroht hätte.

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