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Auf den Spuren der Französischen Revolution rund um den Place de la Nation

Der Place de la Nation gehört heute zu den großen und stark befahrenen Plätzen von Paris, an denen sich mehrere Metro- und RER-Linien treffen und in dessen Mitte ein monumentales Denkmal steht. Dass sich hier vor etwas mehr als 230 Jahren eine der blutigsten Episoden der Französischen Revolution abspielte, ist dagegen auf den ersten Blick kaum noch zu erkennen.

Dabei gehört die Gegend rund um den heutigen Place de la Nation zu den Vierteln von Paris, in denen sich die Geschichte der Revolution besonders anschaulich nachvollziehen lässt. Hier verlief einst die Grenze der Stadt, hier mussten Händler und Reisende Abgaben entrichten, hier kam es zu Protesten gegen die verhassten Zollstationen, hier wurden revolutionäre Feste gefeiert und schließlich stand an diesem Ort während der letzten Wochen der Terreur die Guillotine.

Noch heute sind einige Spuren dieser Vergangenheit zu entdecken, vor allem die beiden monumentalen Säulen der ehemaligen Barrière du Trône, der nahe gelegene Friedhof von Picpus und einige der Straßen im ehemaligen Faubourg Saint-Antoine. Wer sich auf die Suche nach diesen Spuren macht, entdeckt allerdings nicht nur die großen Ereignisse der Revolution, sondern auch die Geschichten von Menschen, die damals in diesem Viertel lebten oder politisch aktiv waren.

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Der Place de la Nation – vom königlichen Triumph zur Revolution

Um die Geschichte des Place de la Nation zu verstehen, muss man zunächst weit vor die Französische Revolution zurückgehen. Hier befand sich ein weitläufiges, offenes Gelände vor den Toren von Paris, das damals Place du Trône genannt wurde. Der Name erinnerte an den triumphalen Einzug des jungen Königs Ludwig XIV. (1638–1715) und seiner frisch angetrauten Ehefrau Maria Theresia (1638–1683). Für dieses Ereignis wurden hier zweiThrone aufgestellt.

Mehr als ein Jahrhundert später war von dieser königlichen Pracht allerdings nicht mehr viel zu spüren, denn der Platz wurde vor allem durch die Barrière du Trône, eine Zollstation am damaligen Stadtrand, die zum System der sogenannten octrois gehörte, geprägt. Wer Waren nach Paris bringen wollte, musste hier eine Abgabe bezahlen.

Die Zollstation war Teil der von den Fermiers généraux, den privaten Steuerpächtern der Monarchie, betriebenen Finanzverwaltung. In den 1780er Jahren war rund um Paris eine neue Mauer errichtet worden, die weniger dem Schutz der Stadt als vielmehr der Kontrolle des Warenverkehrs und der Erhebung dieser Abgaben diente. Die von Claude-Nicolas Ledoux entworfene Enceinte des Fermiers généraux war rund 24 Kilometer lang und besaß etwa fünfzig Durchgänge, die durch die sogenannten barrières markiert wurden.

Die Bevölkerung empfand diese Zollstationen als besonders ärgerlich, weil die Abgaben auf Waren des täglichen Bedarfs erhoben wurden und damit unmittelbar auf die Preise von Lebensmitteln und anderen Gütern wirkten. Die Barrières wurden deshalb zu Symbolen einer Steuerordnung, die von vielen Menschen als ungerecht empfunden wurde. Die Barrière du Trône wurde während der Revolution zu einem wichtigen Schauplatz des politischen Protests.


Die sechs Stationen

Die Barrière du Trône und die Colonnes de la Nation – Place de la Nation
Die Guillotine an der Nation – Place de l’Île-de-la-Réunion
Picpus – der Erinnerungsort der Terreur – 35 Rue de Picpus
Die citoyenne Lausanne – 238 Rue du Faubourg-Saint-Antoine
Antoine-Joseph Santerre – 9 Rue de Reuilly
Das Maison Belhomme – 159 Rue de Charonne


Die Barrière du Trône und die beiden Säulen

Die beiden Säulen, die heute den Place de la Nation prägen, entstanden 1787/1788 im Zusammenhang mit der Barrière du Trône. Mit einer Höhe von rund 28 bis 30 Metern waren sie weithin sichtbar und gehörten zu einer aufwendigen architektonischen Anlage, die keineswegs nur der Verschönerung des Stadteingangs diente. An ihrer Basis befanden sich Pavillons für die Bediensteten des Zollwesens, während zwischen den beiden Säulen ein großes Gitter den Zugang nach Paris kontrollierte.

Die beiden heute noch vorhandenen Säulen sind damit nicht nur architektonische Überreste des Ancien Régime, sondern zugleich stumme Zeugen jener Zeit, in der sich hier die Spannungen zwischen der königlichen Ordnung und der aufbegehrenden Bevölkerung immer stärker zuspitzten.

Am 25. Februar 1790 kam es an der Barrière du Trône zu einem Aufstand gegen die Zollabgaben, der von den Behörden gewaltsam unterdrückt wurde. Nur wenig später, am 1. Mai 1791, wurden die Abgaben an den Pariser Stadttoren abgeschafft und es wurde ein regelrechter Festtag im Viertel organisiert, während der Ort zu einem Symbol für den Widerstand gegen die alten Abgaben wurde.

Der Name des Platzes änderte sich ebenfalls und wurde zu Place du Trône-Renversé, also sinngemäß zum „Platz des umgestürzten Thrones“. Aus einem Ort, der einst den königlichen Triumph gefeiert hatte, war damit ein Symbol für den Sturz der alten Ordnung geworden.

Allerdings war die Abschaffung nicht das endgültige Ende des Pariser Zollwesens. Die Abgaben wurden 1798 erneut eingeführt, diesmal unter dem Directoire, und bestanden in verschiedenen Formen noch weit über die Revolutionszeit hinaus. Erst mit der Eingemeindung der Vororte im Jahr 1860 wurde das alte System an der ehemaligen Stadtgrenze grundlegend verändert.

Viele der einstigen Barrières waren da allerdings längst verschwunden. Einige wurden bereits während der Revolution zerstört, andere im Laufe des 19. Jahrhunderts beseitigt. Als 1860 die Mauer der Fermiers généraux abgetragen wurde, verschwanden zahlreiche weitere Zollstationen aus dem Stadtbild. Von den ursprünglichen Anlagen blieben schließlich nur wenige erhalten, darunter die beiden Säulen der Barrière du Trône sowie die Rotunden am Parc Monceau und am heutigen Place de la Bataille-de-Stalingrad beziehungsweise die Anlage der ehemaligen Barrière d’Enfer.

Wer den Blick nach oben richtet, entdeckt auf den beiden Säulen allerdings keine revolutionären Symbole, sondern zwei mittelalterliche französische Könige.

Seit 1845 wird die Säule auf der Seite des 12. Arrondissements von einer Statue Philipps II. August (1165–1223) gekrönt, während auf der gegenüberliegenden Seite, zum 20. Arrondissement hin, Ludwig IX., genannt der Heilige Ludwig (1226–1270) steht. Die Statuen stammen von den Bildhauern Augustin Dumont und Antoine Étex.

Philipp August und Ludwig IX. waren beide bedeutende Herrscher aus dem Haus der Kapetinger und stehen für das mittelalterliche Königtum Frankreichs. Philipp August ließ unter anderem den Louvre als Festung ausbauen und prägte die Entwicklung des mittelalterlichen Paris entscheidend, während Ludwig IX., der später heiliggesprochen wurde, vor allem als frommer König und als gerechter Herrscher in Erinnerung blieb.

Dass gerade diese beiden Könige auf den Säulen stehen, hat auch mit der historischen Ausrichtung des Platzes zu tun. Die beiden Figuren blicken in Richtung Vincennes, dessen Schloss bereits unter Philipp August und später unter Ludwig IX. eine wichtige königliche Bedeutung besaß. Die Statuen entstanden allerdings erst mehr als fünfzig Jahre nach der Revolution, unter der Julimonarchie.

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Ein Ort der Feste und die Nancy-Affäre

Während der Revolution wurde die ehemalige Barrière du Trône nicht nur zum Schauplatz von Protesten und Konflikten. Hier fanden auch politische Feste statt, darunter am 15. April 1792. als ein großer Festzug zu Ehren der Soldaten des Regiments de Châteauvieux, die in Paris als „Märtyrer der Freiheit“ gefeiert wurden, an der Barrière du Trône begann.

Das Regiment von Châteauvieux war ein Schweizer Regiment im Dienst der französischen Krone und bestand zu dieser Zeit überwiegend aus Schweizer Soldaten. Es war 1788 nach Nancy verlegt worden, wo es gemeinsam mit anderen Regimentern stationiert war.

In der französischen Armee hatten sich nach Beginn der Revolution zahlreiche Spannungen entwickelt. Soldaten beschwerten sich unter anderem über ausstehende Soldzahlungen, die Führung durch ihre Offiziere und die Frage, wie mit den traditionellen militärischen Hierarchien in einer Gesellschaft umzugehen sei, die inzwischen von den Ideen der Bürgerrechte und der Gleichheit geprägt wurde.

Im August 1790 eskalierte die Situation in Nancy. Soldaten des Regiments Châteauvieux und anderer dort stationierter Einheiten verlangten Einsicht in die Regimentskassen und forderten die Klärung finanzieller Angelegenheiten. Die Auseinandersetzung entwickelte sich zu einer offenen Meuterei, bei der Offiziere festgesetzt wurden. Die von Alexandre de Malseigne geführten Maßnahmen zur Wiederherstellung der Ordnung scheiterten zunächst, und schließlich marschierten Truppen unter dem Kommando des Marquis de Bouillé gegen die Garnison. Am 31. August 1790 kam es zu schweren Kämpfen in Nancy, die blutig niedergeschlagen wurden. Ein Militärgericht verurteilte anschließend Angehörige des Regiments Châteauvieux. Neun Soldaten wurden erschossen, weitere vierzig zu 30 Jahren Galeerenhaft verurteilt und nach Brest gebracht. Die Soldaten des Regiments Châteauvieux wurden am 7. Februar 1791 begnadigt. Die überlebenden Soldaten wurden daraufhin am 15. April 1792 von der Barrière du Trône nach Paris geleitet.


Die Guillotine am Place du Trône-Renversé

Kaum ein Ereignis verbindet den Place de la Nation so unmittelbar mit der Französischen Revolution wie die Guillotine, die hier während der letzten Wochen der Terreur aufgestellt wurde. Am 14. Juni 1794 wurde die Guillotine hierher verlegt, weil die bisherigen Hinrichtungsorte im Zentrum der Stadt angesichts der ständig zunehmenden Zahl von Todesurteilen nicht mehr ausreichten.

Bis zum 27. Juli 1794 stand das Fallbeil hier. In diesen nur wenigen Wochen wurden mehr als 1.300 Menschen hingerichtet. Ihre Leichen wurden anschließend auf dem nahe gelegenen Gelände von Picpus in Massengräbern bestattet.

Zu den bekanntesten Opfern gehörten die 16 Karmelitinnen von Compiègne, die am 17. Juli 1794 gemeinsam zum Schafott geführt wurden. Die Nonnen waren während der Revolution aus ihrem Kloster vertrieben worden und hatten sich trotz der Auflösung religiöser Gemeinschaften weiterhin zu einem gemeinschaftlichen religiösen Leben zusammengefunden.

Ihre Geschichte wurde später insbesondere in der katholischen Erinnerungskultur bekannt. 1906 wurden die Karmelitinnen von Papst Pius X. seliggesprochen.

Nur wenige Tage nach ihrer Hinrichtung veränderte sich die politische Situation in Frankreich grundlegend. Am 9. Thermidor des Jahres II, dem 27. Juli 1794, wurde Robespierre gestürzt und am folgenden Tag hingerichtet. Noch am 27. Juli verließ die Guillotine den Place du Trône-Renversé.

Heute erinnert auf dem Platz nichts unmittelbar an das ehemalige Schafott.

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Picpus – die Massengräber der Opfer

Nur wenige Straßen entfernt befindet sich in der Rue de Picpus 35 einer der ungewöhnlichsten Friedhöfe von Paris, jedoch auch einer der wichtigsten Erinnerungsorte an die Terreur. Hinter einem eher unscheinbaren Eingang verbirgt sich ein stiller Ort, der unmittelbar mit den blutigsten Wochen der Französischen Revolution verbunden ist. Hier wurden die Menschen beigesetzt, die zwischen dem 14. Juni und dem 27. Juli 1794 auf dem damaligen Place du Trône-Renversé, dem heutigen Place de la Nation, unter der Guillotine starben.

Vor der Revolution gehörte das Gelände zu einem religiösen Anwesen. Die Ordensleute mussten es 1790 verlassen, nachdem die kirchlichen Besitztümer verstaatlicht worden waren. Aus dem ehemaligen Kloster wurde anschließend eine staatliche Einrichtung, die als Maison de santé, also als eine Art Kranken- beziehungsweise Pflegeanstalt, genutzt wurde.

Als im Sommer 1794 die Zahl der Hinrichtungen in Paris immer weiter anstieg, benötigte man neue Orte, an denen die Leichen der Hingerichteten bestattet werden konnten. Nachdem die Guillotine am 14. Juni auf den Place du Trône-Renversé verlegt worden war, wurden die Leichen der dort Hingerichteten in Wagen zum nahe gelegenen Gelände von Picpus gebracht.

Dort entstanden zwei große Massengräber, in denen insgesamt mehr als 1.300 Menschen beigesetzt wurden. Darunter befanden sich Menschen unterschiedlichster Herkunft und gesellschaftlicher Stellung. Zu den Toten gehörten Adelige ebenso wie Geistliche, Soldaten und Menschen aus einfachen Verhältnissen. Unter ihnen befanden sich beispielsweise Angehörige der Familien Noailles, Montmorency, Polignac, Rohan und Rochefoucauld. Auch der Dichter André Chénier, der am 25. Juli 1794 hingerichtet wurde, gehört zu den bekannten Opfern dieser letzten Phase der Terreur.

Ab 1796 schlossen sich mehrere Familien zusammen, deren Angehörige während der Terreur hingerichtet worden waren. Es waren vor allem Frauen aus adeligen Familien, die sich dafür einsetzten, das Gelände zu erwerben und die Erinnerung an ihre Verwandten zu bewahren. Auf diese Weise wurden die beiden Massengräber nicht beseitigt oder überbaut, sondern zu einem Ort des Gedenkens.

Eine wichtige Rolle spielte dabei Amalie Zephyrine Prinzessin von Salm-Kyrburg (1760–1841). Sie erwarb 1797 einen Teil des Geländes, auf dem sich die beiden Massengräber befanden. Ihr Bruder, Prinz Friedrich III. von Salm-Kyrburg (1744–1794), war selbst 1794 guillotiniert und in einer der Gruben von Picpus beigesetzt worden. Auch Alexandre de Beauharnais (1760–1794), der erste Ehemann der späteren Kaiserin Joséphine (1763–1814), gehörte zu den dort bestatteten Opfern. Einige Jahre später setzten sich weitere Angehörige der Opfer für die Erhaltung des gesamten Geländes ein. Anne-Paule-Dominique de Noailles, Marquise de Montagu (1766–1839), und ihre Schwester Marie Adrienne Françoise de Noailles, Marquise de La Fayette (1759–1807), initiierten 1802 eine Sammlung, mit deren Hilfe das ehemalige Klostergelände erworben werden konnte. Ihre Großmutter, ihre Mutter und ihre ältere Schwester waren während der Terreur guillotiniert und in den Massengräbern von Picpus beigesetzt worden.

Im Jahr 1805 kehrten wieder Ordensfrauen nach Picpus zurück, wodurch der Ort zunehmend den Charakter einer religiösen Gedenkstätte erhielt. Die Erinnerung an die während der Revolution getöteten Menschen wurde nun eng mit dem katholischen Gedenken an die Märtyrer der Revolution verbunden. 1840 entstand schließlich die kleine Chapelle Notre-Dame-de-la-Paix, die noch heute zum Gelände gehört. Sie wird auch als Sühne- oder Gedächtniskapelle bezeichnet und bewahrt unter anderem die Namen der Opfer, die in den Massengräbern bestattet wurden.

Heute ist Picpus einer der wenigen privaten Friedhöfe von Paris. Die Besonderheit besteht darin, dass hier grundsätzlich Nachkommen jener Familien beigesetzt werden können, deren Angehörige während der Terreur auf dem Place du Trône-Renversé guillotiniert wurden.

Eine der bekanntesten Grabstätten des Friedhofs gehört ausgerechnet einem Mann, der kein Opfer der Terreur war. Gilbert du Motier, Marquis de La Fayette (1757–1834), der berühmte Revolutionär und spätere politische Gegenspieler beziehungsweise Unterstützer verschiedener revolutionärer Entwicklungen, ist auf dem Friedhof von Picpus begraben. Seine Frau Marie Adrienne Françoise de Noailles, Marquise de La Fayette (1759–1807) stammte aus einer Familie, deren Angehörige während der Terreur hingerichtet worden waren. La Fayette ließ sich deshalb nach seinem Tod ebenfalls auf dem Friedhof von Picpus beisetzen.

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Die citoyenne Lausanne und die Frauen des Faubourg Saint-Antoine

Der Faubourg Saint-Antoine war während der Französischen Revolution ein Viertel, das zu den politisch aktivsten Gegenden von Paris gehörte. Hier versammelten sich Handwerker und Arbeiter und zahlreiche Aufstände begannen an diesem Ort.

Die heutige 238 Rue du Faubourg-Saint-Antoine erinnert an eine Frau, die als citoyenne Lausanne bekannt wurde. Ihre Geschichte führt in das Frühjahr 1795, also in eine Zeit, in der die Französische Revolution bereits eine neue Phase erreicht hatte. Robespierre und zahlreiche seiner politischen Verbündeten waren nach dem 9. Thermidor im Juli 1794 gestürzt und hingerichtet worden, und die gemäßigteren Kräfte gewannen wieder zunehmend Einfluss.

Für die Bevölkerung von Paris bedeutete das jedoch keineswegs, dass die großen sozialen Probleme gelöst waren. Die Versorgungslage wurde immer schwieriger, die Preise stiegen und vor allem das Brot, das wichtigste Grundnahrungsmittel der Pariser Bevölkerung, wurde für viele Menschen zunehmend unerschwinglich.

Eine Ursache dafür war die Aufhebung der staatlichen Preisbegrenzung für Brot. Gleichzeitig waren die Ernten schlecht, und die Inflation ließ die Preise für Lebensmittel weiter steigen. Für die ärmeren Bevölkerungsschichten bedeutete dies eine unmittelbare Bedrohung ihrer Existenz.

In dieser Situation waren es häufig Frauen, die als Erste auf die Straße gingen. Die Beteiligung der Frauen an den Pariser Volksbewegungen war allerdings keineswegs neu. Schon seit den ersten Jahren der Revolution hatten sie sich immer wieder in das politische Geschehen eingemischt. Berühmt ist beispielsweise der Marsch der Pariser Frauen nach Versailles am 5. und 6. Oktober 1789, bei dem Tausende Frauen unter anderem Brot forderten.

Auch 1795 gingen Frauen wieder auf die Straße. Doch ihre Forderungen beschränkten sich nicht auf die Versorgung mit Brot. Sie verlangten zugleich die Umsetzung der Verfassung von 1793, die eine demokratische und soziale Republik vorgesehen hatte. Diese Verfassung war zwar von der Nationalversammlung beschlossen worden, aber aufgrund der politischen und militärischen Situation nie tatsächlich in Kraft getreten.

Die Spannungen entluden sich schließlich in mehreren Aufständen. Am 1. April 1795 drangen Demonstrierende in den Sitzungssaal des Nationalkonvents ein und verlangten Brot sowie die Anwendung der Verfassung von 1793. Einige Wochen später, am 20. Mai, kam es erneut zu einem Aufstand, bei dem die Demonstranten wiederum in das Parlamentsgebäude eindrangen. Dieser Aufstand wurde schließlich militärisch niedergeschlagen. Damit endete eine der letzten großen revolutionären Volksbewegungen in Paris.

Die citoyenne Lausanne lebte in dem Haus an der heutigen 238 Rue du Faubourg-Saint-Antoine und gehörte zu den Frauen, die sich an den politischen Unruhen beteiligten. Während die Truppen in das Viertel einrückten, um den Aufstand niederzuschlagen, wurde sie verhaftet. Der Grund für ihre Verhaftung war, dass sie eine Lebensmittelhändlerin bedroht hatte, die politisch gemäßigtere Ansichten vertrat.

Über viele Frauen, die sich an den politischen und sozialen Bewegungen der Revolution beteiligten, ist nur wenig bekannt, und häufig tauchen ihre Namen nur in Gerichtsakten oder Verwaltungsdokumenten auf.


Antoine-Joseph Santerre – Brauer und Sansculotte

Antoine-Joseph Santerre (1752–1809), der als wohlhabender Brauer im Faubourg Saint-Antoine lebte, wurde während der Revolution zu einer der bekanntesten Persönlichkeiten der Pariser Volksbewegung. An der heutigen Nummer 9 Rue de Reuilly befanden sich während der Französischen Revolution die Ställe und Garagen der Brasserie de l’Hortensia, die Antoine-Joseph Santerre gehörte. Über einen großen Innenhof waren sie mit dem eigentlichen Geschäft in der Rue du Faubourg-Saint-Antoine verbunden. Eine Gedenktafel erinnert heute an den Mann, der innerhalb weniger Jahre vom erfolgreichen Brauer zu einem bekannten Revolutionär und Anführer der Sansculotten wurde.

Er stammte aus einer wohlhabenden Familie von Brauern aus dem Norden Frankreichs und kaufte im Jahr 1772 die Brasserie de l’Hortensia im Faubourg Saint-Antoine, einem Viertel, das damals von Handwerkern, Arbeitern und kleinen Unternehmern geprägt war. Seine Brauerei war für die damalige Zeit ein ausgesprochen moderner Betrieb. Santerre investierte in teure Maschinen und beschäftigte zahlreiche Arbeiter aus dem umliegenden Viertel.

Santerre heiratete die Tochter einer Pariser Juweliersfamilie und verfügte bald über ein beträchtliches Vermögen.

Im Sommer 1789 stellte sich Santerre auf die Seite der revolutionären Volksbewegung, beteiligte sich an den entscheidenden Ereignissen jener ersten Revolutionsmonate und gehörte zu denjenigen, die am 14. Juli 1789 beim Sturm auf die Bastille dabei waren.

Für Santerre begann damit sein Aufstieg zu einer der bekannten Figuren der Pariser Volksbewegung. In den folgenden Jahren nahm er an mehreren der großen revolutionären Ereignisse teil und wurde zu einem der Anführer der Bevölkerung des Faubourg Saint-Antoine und wurde zu einem der bekanntesten Vertreter der Sansculotten. Der Begriff bezeichnete ursprünglich Menschen, die keine Kniebundhose, die sogenannte culotte, trugen, wie sie beim Adel und beim wohlhabenden Bürgertum üblich war, sondern lange Hosen. Aus dieser zunächst äußerlichen Bezeichnung entwickelte sich während der Revolution ein politischer Begriff.

Die Sansculotten bildeten keine einheitliche soziale Gruppe und auch keine fest organisierte Partei. Zu ihnen gehörten Handwerker, Händler, Arbeiter und andere städtische Bürger, die sich zunehmend politisierten und eine radikalere Ausrichtung der Revolution forderten.

Gemeinsam mit dem aus Polen stammenden Revolutionär Claude Lazowski wurde er zu einer der bekannten Persönlichkeiten dieser Bewegung.

Santerres politischer und militärischer Einfluss wuchs in den folgenden Jahren weiter. Er wurde Kommandant der Pariser Nationalgarde und gehörte damit zu den Männern, die über bewaffnete Einheiten und damit über erheblichen Einfluss auf die politischen Ereignisse in der Hauptstadt verfügten.

Die Nationalgarde war nach dem Beginn der Revolution entstanden und sollte ursprünglich für die Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung sorgen. In Paris wurde sie jedoch schnell zu einem wichtigen politischen Faktor.

Eine besonders wichtige Rolle spielte Santerre während des Aufstands vom 10. August 1792, als die Tuilerien gestürmt wurden und die Monarchie faktisch zusammenbrach.

An diesem Tag drangen bewaffnete Revolutionäre in den Tuilerienpalast ein. Die Kämpfe zwischen den Angreifern und den königlichen Verteidigern forderten zahlreiche Todesopfer. Ludwig XVI. (1754–1793) und seine Familie hatten sich bereits zuvor unter den Schutz der Nationalversammlung begeben.

Die Ereignisse des 10. August waren ein entscheidender Wendepunkt. Die Monarchie wurde suspendiert, und wenige Wochen später begann mit der Wahl des Nationalkonvents die neue republikanische Phase der Revolution.

Am Tage der Hinrichtung Ludwigs XVI., am 21. Januar 1793, war Santerre als Kommandant der Nationalgarde für die Bewachung des Königs beziehungsweise für die Begleitung des Gefangenentransports zuständig. Er begleitete Ludwig XVI. auf seinem letzten Weg zur Guillotine auf dem heutigen Place de la Concorde.

Seine Karriere führte ihn schließlich sogar in die Armee. Santerre wurde General und nahm an den Revolutionskriegen teil, unter anderem an den Kämpfen in der Vendée im Westen Frankreichs, wo die Republik gegen royalistische und katholische Aufständische kämpfte.

Nach dem Ende der Terreur verlor er seinen politischen Einfluss und wurde 1794 verhaftet, später jedoch wieder freigelassen. Santerre verlor sein Vermögen und starb schließlich 1809 verarmt.

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Portrait von Antoine-Joseph Santerre, Kommandant der Pariser Nationalgarde
Künstler unbekannt, 1793 - Quelle: Paris musées collections

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Vermerk Santerres vom 9. Dezember 1792 zu Sicherheitsmaßnahmen während des Prozesses gegen Ludwig XVI.
Quelle: Paris musées collections

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Das Maison Belhomme – ein Gefängnis für Wohlhabende

Etwas weiter entfernt vom Place de la Nation, in der Rue de Charonne 159, befindet sich eine weitere, heute eher unscheinbare Spur der Französischen Revolution. Im hinteren Teil des heutigen Square Colbert steht ein altes Gebäude, der sogenannte Pavillon Belhomme.

Bevor die Revolution ausbrach, hatte der Schreiner Jacques Belhomme (1737–1824) hier eine Einrichtung geschaffen, in der Menschen gegen Bezahlung untergebracht werden konnten, die aufgrund psychischer Erkrankungen oder anderer Umstände nicht in ihren Familien leben konnten.

Eine besondere Bedeutung erhielt die Maison Belhomme durch Philippe Pinel (1745–1826), der als einer der Begründer der modernen Psychiatrie gilt. Er führte hier erste Untersuchungen und Beobachtungen zu psychischen Erkrankungen durch.

Als sich die politische Situation während der Revolution immer weiter zuspitzte und insbesondere während der Jahre 1793 und 1794 die Zahl der Gefangenen in Paris stark anstieg, reichten die vorhandenen Gefängnisse nicht mehr aus. Die revolutionären Behörden mussten deshalb zusätzliche Unterbringungsmöglichkeiten finden. Die bereits bestehende Maison Belhomme bot sich dafür an und wurde entsprechend umgenutzt.

Allerdings handelte es sich hier nicht um ein gewöhnliches Gefängnis. Jacques Belhomme richtete die Räume gegen Bezahlung für die Aufnahme von Gefangenen ein. Wer über ausreichend Geld verfügte, konnte sich damit eine Unterbringung sichern, deren Bedingungen häufig weniger hart waren als in den überfüllten Gefängnissen von Paris.

Wer hier untergebracht war, konnte möglicherweise darauf hoffen, von der revolutionären Justiz weniger schnell wieder in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit gerückt zu werden.

Zu den bekannten Insassen gehörte der Jurist und Schriftsteller Simon-Nicolas-Henri Linguet (1736–1794). Er hatte bereits vor 1789 als scharfer Kritiker der Monarchie auf sich aufmerksam gemacht und war dennoch während der Terreur nicht vor Verfolgung geschützt. Am 27. Juni 1794 wurde er schließlich auf dem Place du Trône-Renversé guillotiniert.

Weil hier Menschen mit psychischen Erkrankungen behandelt worden waren und gleichzeitig politische Gefangene untergebracht wurden, bot sich der Ort für eine Deutung an, die von Gegnern der Revolution aufgegriffen wurde. Sie stellten die politischen Umwälzungen als eine Art kollektiven Wahnsinn dar. Die Vorstellung, dass die Revolutionäre gewissermaßen „verrückt“ gewesen seien, wurde damit Teil der gegenrevolutionären Propaganda.

In diesem Zusammenhang wurden auch einzelne bekannte Revolutionäre und Revolutionärinnen entsprechend dargestellt. Théroigne de Méricourt (1762–1817), die sich früh politisch engagiert hatte und zu den bekannten Frauen der revolutionären Bewegung gehörte, erkrankte 1793 psychisch und verbrachte ihre letzten Lebensjahre in der Salpêtrière. Ihre Erkrankung wurde später von Zeitgenossen und Historikern teilweise dazu benutzt, ihr politisches Engagement mit dem Bild einer „verrückten Revolutionärin“ zu verbinden. Auch der Marquis de Sade (1740–1814), der während der Revolution politisch aktiv war, wurde aufgrund seines Lebens und seiner Schriften immer wieder mit diesem Bild der angeblichen Verbindung zwischen Revolution und Wahnsinn in Verbindung gebracht.

Heute ist von der ursprünglichen Anlage nur noch wenig zu sehen. Der Pavillon Belhomme im Square Colbert ist jedoch erhalten geblieben und erinnert an die wechselvolle Geschichte dieses Ortes.

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Der Place de la Nation erhält seinen heutigen Namen

Nach den wechselvollen Jahren der Revolution dauerte es noch lange, bis der Platz seinen heutigen Namen erhielt. Unter dem Kaiserreich und der Restauration änderte sich das politische und gesellschaftliche Umfeld mehrfach, und mit ihm veränderte sich auch die Bedeutung des Platzes. Erst am 14. Juli 1880, wenige Jahre nach der Gründung der Dritten Republik, erhielt er endgültig den Namen Place de la Nation. Der Zeitpunkt war bewusst gewählt. Der 14. Juli war inzwischen zum französischen Nationalfeiertag geworden und sollte die republikanische Identität des Landes symbolisieren.

Damit war aus dem ehemaligen königlichen Platz des Trône und dem revolutionären Trône-Renversé endgültig ein republikanischer Ort geworden. Diese neue Bedeutung wurde wenig später auch durch ein monumentales Kunstwerk sichtbar, das noch heute das Zentrum des Platzes beherrscht.


Le Triomphe de la République

Im Mittelpunkt des heutigen Place de la Nation steht das monumentale Werk Le Triomphe de la République des französischen Bildhauers Aimé-Jules Dalou (1838–1902). Die Geschichte des Denkmals begann bereits 1879, als die Stadt Paris einen Wettbewerb für ein Monument zu Ehren der Republik ausschrieb. Dalous Entwurf wurde zwar nicht für den vorgesehenen Standort am heutigen Place de la République ausgewählt, überzeugte die Pariser Stadtverwaltung jedoch so sehr, dass man beschloss, ihn stattdessen auf dem Place de la Nation aufzustellen. Nach verschiedenen Überlegungen wurde der Platz schließlich 1889 als Standort bestimmt.

Dalou entwarf eine ungewöhnlich dynamische Komposition, die sich deutlich von den eher statischen Denkmälern seiner Zeit unterscheidet. Im Zentrum steht die Republik, die auf einem von zwei Löwen gezogenen Wagen thront. Eine geflügelte Gestalt, die die Freiheit symbolisiert, führt die beiden Tiere, während Arbeit und Gerechtigkeit die Republik begleiten. Ergänzt wird die Darstellung durch eine weibliche Figur, die Überfluss und Wohlstand verkörpert. Auf diese Weise verband Dalou die Republik mit den Idealen von Freiheit, Arbeit, Gerechtigkeit und einem durch Frieden ermöglichten Wohlstand.

Das riesige Monument wurde in Bronze ausgeführt und am 14. Juli 1899 feierlich eingeweiht. Damit erhielt der Place de la Nation genau ein Jahrhundert nach der Französischen Revolution ein Denkmal, das die republikanische Staatsidee ins Zentrum des Platzes rückte. Noch heute steht die Republik auf ihrem Wagen zwischen den beiden historischen Säulen der ehemaligen Barrière du Trône.

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