Butte Bergeyre - Verborgener Winkel von Paris
Paris hat viele Facetten, doch einige der faszinierendsten Winkel der Stadt liegen abseits der typischen touristischen Routen. Einer dieser verborgenen Orte ist die Butte Bergeyre, ein kleines Viertel im 19. Arrondissement, das sich auf einem Hügel im Südwesten des Parc des Buttes-Chaumont erhebt.
Der Zugang erfolgt über steile Treppen, entweder über die Rue Manin, die avenue Simon Bolivar oder die Rue Michel-Tagrine, die sich mit ihren vielen Stufen dem Hügel hinaufwinden. Wer den Aufstieg wagt, wird mit einer herrlichen Panoramasicht belohnt. Im Vordergrund liegt der winzige Weinberg „Clos des Chaufourniers“, der jährlich nur etwa 100 Liter Wein produziert, hauptsächlich Pinot Noir und Chardonnay, und so ein winziges, aber bemerkenswertes Stück Pariser Weintradition verkörpert.
Von hier aus kann man sowohl den Eiffelturm als auch Montmartre und seine imposante Basilika Sacré-Cœur sehen und das alles, ohne den Trubel der Stadt zu spüren. Es ist dieser Kontrast, der diesen Ort so besonders macht.

Von Windmühlen zum Pariser Wohnviertel
Ursprünglich war das Gebiet im 17. Jahrhundert ein landwirtschaftliches Terrain mit Windmühlen und Wiesen, wie auf vielen Hügeln rund um Paris. Doch als im 18. Jahrhundert die Gipsvorkommen entdeckt wurden, begann man hier zu graben, was zu landwirtschaftlichen Umgestaltungen und letztlich zur Zerstörung der ursprünglichen Mühlen führte.Ab 1867 wurden die Buttes-Chaumont unter der Leitung des Ingenieurs Adolphe Alphand und des Landschaftsarchitekten Pierre Barillet-Deschamps, als öffentlicher Park neu gestaltet, und die Butte Bergeyre wurde durch die Schaffung der Rue Manin vom Rest des Hügels abgetrennt. Über fast vier Jahrzehnte hinweg blieb dieser kleine „Schwesterhügel“ der Buttes-Chaumont weitgehend ungenutzt.
Um 1878 eröffnete der Politiker Émile Bin (1825-1897) hier ein „Historiama“, einen Ort, an dem historische Ereignisse erzählt wurden.
Im Jahr 1905 ließ der Unternehmer Adolphe de Rothschild ein modernes Augenkrankenhaus errichten, das bis heute als "Centre Ophtalmologique" bekannt ist. Zudem entstand um 1908 der Vergnügungspark "Les Folles Buttes", der mit Karussells und einem Musiktheater die Pariser Bevölkerung unterhielt. Doch trotz dieser ersten Versuche, den Hügel zu erschließen, blieb das Gebiet bis in die 1920er Jahre weitgehend ein ungenutztes Terrain.
Bevor die Butte Bergeyre zu dem charmanten Wohnviertel wurde, das sie heute ist, spielte sie eine zentrale Rolle in der Pariser Sportgeschichte. Anfang des 20. Jahrhunderts suchte der Sporting Club de Vaugirard einen geeigneten Ort für Rugby, nachdem ihr bisheriges Stadion im Park von Issy-les-Moulineaux vom Militär beschlagnahmt worden war. Nach einer Übergangslösung in Juvisy-sur-Orge entdeckte der Club die abgelegene, noch unbebaute Butte Bergeyre und entschied sich, dort ein neues Stadion zu errichten. Die Arbeiten begannen im Frühjahr 1914, doch der Ausbruch des Ersten Weltkriegs verlangsamte den Bau erheblich.
Der Name „Stade Bergeyre“ ehrt Robert Bergeyre, einen jungen Rugbyspieler des Clubs, der bereits 1914 im Alter von nur 20 Jahren im Krieg fiel. Der Bau und Betrieb des Stadions wurden von seinem früheren Mitspieler Gaston François-Sigrand unterstützt, und trotz der Herausforderungen des Krieges konnte der Club seine sportlichen Aktivitäten über mehrere Jahre aufrechterhalten.
Doch die Lage des Stadions auf dem instabilen Hügel stellte eine dauerhafte Herausforderung dar. Hohe Unterhaltskosten und häufig notwendige Bodenstabilisierungen machten den Betrieb zunehmend unrentabel. 1925 wurden noch Spiele ausgetragen, bevor das Gelände 1926 an den Bauunternehmer Charles Pélissier verkauft und das Stadion schließlich abgerissen wurde. An seiner Stelle entstand das Wohnviertel aus 220 Grundstücken mit Flächen zwischen etwa 100 und 1.500 Quadratmetern, das heute die Butte Bergeyre bildet. Die Einweihung der ersten Wohnhäuser im Jahr 1928 erhielt mit Joséphine Baker eine prominente Patin, bevor Charles Pélissier gemeinsam mit seinem Partner Stern innerhalb der Société générale parisienne immobilière 1930 die großen Wohnblöcke errichten ließ, die die Butte bis heute einfassen, insbesondere entlang der Rue Manin und der Avenue Simon-Bolivar nach Entwürfen des Architekten Georges Planche. Trotz eines Erdrutsches im Februar 1931 wurden die Bauarbeiten fortgesetzt.
Inspiration, Exil und Gemeinschaft
Seit den 1930er Jahren ließen sich Maler, Schriftsteller und Fotografen von der Ruhe und Schönheit des Ortes inspirieren. Künstler wie der Chansonnier Marcel Mouloudji und der Fotograf Jean-Paul Goude fühlten sich hier zu Hause.Die Butte Bergeyre wurde aber auch zu einem diskreten Zufluchtsort für politisch Verfolgte. Der Autor Henri Calet, auf der Flucht vor persönlichen und politischen Zwängen, vollendete in der Rue Edgar-Poe seinen ersten Roman „La Belle Lurette“, der 1935 erschien. Ebenfalls hierher zog es den italienischen Sozialisten Pietro Nenni, der dem faschistischen Regime Mussolinis entkam und zwischen 1931 und 1940 in der Rue Rémy-de-Gourmont lebte. Zu den Bewohnern zählte auch der Schriftsteller Pierre Naville, der Mitte der 1930er-Jahre in der Rue Georges-Lardennois wohnte.
Auch bildende Künstler prägten das Mikroviertel nachhaltig. Der Maler und Bühnenbildner Maurice Lederlé errichtete sich in der Rue Philippe-Hecht ein Wohn- und Atelierhaus, während der neorealistische Künstler Georges Pacouil wenig später in derselben Gegend lebte. Der Aquarellist und Lithograf Lucien Desmedts, ein Freund Pablo Picassos, ließ sich später ebenfalls auf der Butte nieder, ebenso wie der Aquarellist Pierre Berjole, der hier über viele Jahre hinweg arbeitete und lebte.
Das kleine Viertel verfügte über ein reges Geschäftsleben, das im Laufe der Zeit nahezu vollständig verschwand. Heute erinnert nur noch die Utopicerie, Sitz der Bewohnervereinigung der Butte Bergeyre, an diese Vergangenheit und dient zugleich als Treffpunkt für gemeinschaftliche Aktivitäten. Früher befand sich an der Ecke der Straßen Barrelet-de-Ricou und Edgar-Poe eine kleine Gaststätte, in der Rue Edgar-Poe ein Haushaltswarenladen, während in der Rue Rémy-de-Gourmont ein Restaurant betrieben wurde. In der Rue Georges-Lardennois hatte zudem ein Farbenhändler sein Geschäft, vis-à-vis eines Friseursalons, ein weiteres Detail des alltäglichen Lebens, das längst verschwunden ist.

Grüne Oase und Weinberg
Am Rand der Butte verbirgt sich ein Ort, der den dörflichen Charakter des Viertels perfekt widerspiegelt - der Jardin de la Butte Bergeyre, ein gemeinschaftlich gepflegter Garten, der 2002 angelegt wurde, bis 2004 noch unter dem Namen Jardin des Chaufourniers bekannt war und anlässlich der „Fête des jardins“ offiziell eröffnet wurde , wobei er seitdem als grüne Oase für Nachbarn und Besucher gleichermaßen dient.Von hier aus erstreckt sich ein weiter Blick über die Dächer von Paris bis hinüber auf Montmartre, während sich auf den gemeinschaftlichen Flächen und rund zwanzig kleinen, individuell bewirtschafteten Parzellen eine überraschende Vielfalt an Pflanzen entfaltet.
Ein abgegrenzter Bereich ist den Bienen vorbehalten, deren emsige Bewohnerinnen 2018 eine bemerkenswerte Ernte von 170 Kilogramm Honig einbrachten.
Zudem beherbergt der Garten einen nicht öffentlich zugänglichen Weinberg, den Clos des Chaufourniers, der auf etwa 600 Quadratmetern Rebfläche jährlich rund 100 Liter Wein produziert. Die ersten Trauben wurden 2010 geerntet, die Pressung erfolgt traditionsgemäß in Bercy, und die Bepflanzung umfasst vor allem Chardonnay-Reben, ergänzt durch Sauvignon, Muskateller und Chasselas, während seit 2010 auch Pinot Noir dort kultiviert wird.
Der Name dieses kleinen Weinbergs geht auf die Chaufourniers zurück, Arbeiter, die in der Produktion von Branntkalk tätig waren und den Kalkofen betreuten. So verleiht der Name dem Clos des Chaufourniers eine historische Tiefe, die eng mit der industriellen Vergangenheit der Butte Bergeyre verbunden ist.
Villa Zilveli - Avantgardistische Architektur
Am nördlichen Rand des Gartens, in der Rue Georges-Lardennois, stand bis 2022 die Villa Zilveli, ein markantes Beispiel moderner Architektur, das 1933 vom österreichischen Architekten Jean Welz für den griechischen Ingenieur und Buchhalter Athanase Zilveli entworfen wurde und lange Zeit als architektonische Besonderheit der Butte galt.Die zweigeschossige, 136 Quadratmeter große Villa schmiegte sich elegant an die Hanglage, getragen von kreuzförmigen Betonpfeilern, die das Gebäude bis zu fünf Meter über dem Boden erhoben. Die Fugen der Fassadenplatten blieben sichtbar, was der Villa einen unverwechselbaren Charakter verlieh und an das Werk von Le Corbusier erinnerte. Nach mehreren Jahren des Leerstands verfiel die Villa, bis 2019 der Künstler Jean-Paul Goude das Anwesen bei einer Auktion für 2,2 Millionen Euro erwarb, mit der Absicht, die Villa zu restaurieren. Nachdem sich die Wiederherstellung als unmöglich erwies, wurde sie im Sommer 2022 abgerissen. Ein geplanter Wiederaufbau im Originalstil wurde zunächst vorbereitet, doch Goude verzichtete 2024, im Alter von 85 Jahren, auf die Rekonstruktion und stellte das 216 Quadratmeter große Grundstück mitsamt Baugenehmigung und detailliertem Wiederaufbauprojekt zum Verkauf.





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